Try Happiness!

Wie Dich ein Sprung ins Tiefe Wasser stärken kann

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 46 Sekunden

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Es gibt in meinem Leben eine Erfahrung, die mir nachträglich immer wieder geholfen hat, verschiedenste Ängste zu überwinden. Eine Erfahrung, vor der ich zuerst totale Panik hatte. Ich habe sie aber durchgestanden. Ich habe die Angst überwunden. Und weil ich sie durchgestanden habe und die Angst damals wirklich überwältigend war, gibt mir die Erinnerung an sie heute immer noch Kraft, wenn ich sie brauche. Sie ist meine Kraft-Ressource.

Das war am Anfang meiner „Karriere“ als Taucher. Schon Tauchen lernen war für mich eine große Überwindung. Mein Mann hat mich nur deswegen dazu überredet, weil er mir vorgeschwärmt hat, was für tolle Bilder man unter Wasser machen kann. Damals habe ich leidenschaftlich und überall fotografiert. Aber ich bin ein Schisser, es war für mich nicht ohne, mich an das fremde Element Wasser zu gewöhnen. Dank zwei einfühlsamen Tauchlehrern habe ich es dann letztendlich geschafft, auf Gran Canaria meinen Tauchschein zu machen.

Ein Jahr später flogen wir nach Ägypten. Das war also unser zweiter Urlaub, in dem wir tauchen waren. Gleich 2 Wochen am Stück. 2 Mal am Tag. Jeder Tag war gleich aufgebaut: früh aufstehen (das ist schon ein No-Go im Urlaub!), frühstücken, Zeug zusammenpacken und aufs Boot tragen. Um 9:00 war Abfahrt. Nach dem ersten Tauchgang Pause. Mittagessen, welches von der ägyptischen Crew gekocht wurde. Mich haben noch so viele Ängste beim Tauchen geplagt, dass ich außer einem Schokoriegel kein Mittag essen konnte. Danach noch ca. 45 Stunde Pause und der zweite Tauchgang. Am Nachmittag Rückkehr zum Hotel und das Equipment waschen und verräumen. Nicht mal eine Stunde später gab es schon Abendessen und der Tag war vorbei. Der nächste sah dann identisch aus. Ich fand es eigentlich nicht so optimal und ziemlich stressig, aber irgendwie habe ich mich darauf eingelassen und jetzt musste ich durch. Ich hatte zum Anfang unseres Aufenthalts in Ägypten nicht mal 10 Tauchgänge hinter mir! Und dann jeden Tag zwei mal unter Wasser zu gehen, auch noch vom Boot springen, in einer Gruppe tauchen, wo die meisten deutlich besser waren als ich… Klar gab es tolle Momente, eine riesige Schildkröte, Riesenmuränen, Blaupunktrochen, bunte Fische und Korallen, die mich in Begeisterung versetzt haben. Aber es war auch stressig für mich. Ich war eben ein Greenhorn und Angsthase.

Ich hab es auch gar nicht versucht, das zu verheimlichen. So durfte ich mich bei den ersten Tauchgängen im Roten Meer bei dem Tauchguide einhaken. Ohne Schmarrn! Sooo eine Angst hatte ich! Nach 2-3 Tauchgängen habe ich es gewagt, mich von meinem Buddy etwas zu entfernen. Das heißt, mich nicht mehr an seinen Arm zu klammern, sondern sogar ganze 50 Zentimeter Abstand zwischen uns zuzulassen! Das Tarieren wurde leichter, mein Atem etwas ruhiger und der Luftverbrauch etwas geringer.

Und irgendwann kam der Tag, an dem meine ganze frisch aufgebaute Tauchsicherheit auf eine heftige Probe gestellt wurde.

Bei dem zweiten Tauchgang an diesem Tag konnten wir keinen Anker werfen. Im Briefing haben wir erfahren, wo wir den Tauchgang anfangen, wie er verlaufen wird und wo wir ihn beenden. Das Boot sollte uns an der Einstiegsstelle abwerfen und an der Ausstiegsstelle wieder einsammeln. Aber es konnte zum Einstieg nicht halten. Das heißt, wie sollten vom fahrenden (!!!) Boot in voller Ausrüstung ins Wasser springen und gleich auf ca. 5 m abtauchen. UND unter uns war NUR BLAUWASSER, ca. 500 m tief… An dieser Stelle ist mir mein Herz stehen geblieben. Die Gedanken fingen an zu rasen. Wie soll ich das schaffen? Und wenn was passiert? Wenn mich unter Wasser Panik erwischt? Niemand kann mir dann helfen! Niemand kann mich in dieser Tiefe suchen! Niemand kann in dieser Tiefe überleben!

Ich gehöre zu den Menschen, die sich keine Blöße geben oder geben wollen. Es sei denn, die Angst und das Unwohlsein ist so mächtig, dass der Preis der Überwindung zu hoch wäre. Ich weiß das immer noch, als ob es gestern wäre: wie ich am Rand des Boots in voller Ausrüstung stehe und einen Dialog mit mir abhalte: „Kann ich jetzt kneifen? Ist der Preis hoch genug? Ist diese Angst wirklich so groß, dass ich es nicht machen kann? Oh nee, das wäre ja schon irgendwie peinlich! Alle gehen rein! Du wärst die Einzige, die es nicht macht. Und das wäre so eindeutig aus Angst, denn Du hast Dich immerhin fertig angezogen.“ Mein Herz raste. Ich musste mich mit aller Kraft zwingen, ruhiger zu atmen, was zuerst nicht so ganz gelungen ist. „Nein, ich kann es nicht. Doch Du kannst es! Du wirst Dich sonst schämen, Du wirst Dir selbst nicht mehr in die Augen schauen können. Mach’s!“

Ich hatte nicht viel Zeit, das Boot musste weiter. Dieser Dialog hat in meinem Kopf nicht mal zwei Sekunden gedauert. Ein Bein nach vorne und los! Vor Panik halb blind, sprang ich ins Wasser. Da die anderen ja schon vor mir abgetaucht waren, musste ich sie erstmal finden. Nach einer Sekunde sind die Wasserblasen um mich herum kleiner geworden und ich war auch gleich bei der Gruppe. Hab mich krampfhaft an meinen Tiefenmesser geklammert und versucht, so nah wie möglich an meinem Mann zu bleiben. Mit aller Kraft habe ich mir zugeredet, dass ich nicht alleine bin, dass mir nichts passieren kann. Ich kann immer noch bis zu einer bestimmten Tiefe auftauchen. Es war wirklich nur noch blau um uns herum. Neben uns, über uns, unter uns. Ein unheimliches Gefühl… Ich hab versucht, das auszublenden und stattdessen möglichst tief und langsam zu atmen, nicht nachzudenken. Langsam habe ich meinen Atem beruhigt. Und als wir nach 5 Minuten das Riff gesehen haben, war alles wieder gut bei mir.

Das Riff selbst ragte aus einer Tiefe von ca. 100 Metern. Aber es war eine sichtbare Wand, an der ich mich leichter orientieren konnte. Wir sind auf ca. 15-17 Metern geblieben. Ich war erleichtert, als wir wieder aufgetaucht sind.  Später am Tag war ich unheimlich froh, dass ich das gewagt habe. Ich habe auf einmal so viel Kraft in mir gespürt, so eine unglaubliche neue Stärke, die sich in meiner Brust breit gemacht hat. Nie wieder hatte ich beim Tauchen so eine Angst. Dieses Erlebnis, diese Überwindung hat nicht nur mein Tauchverhalten beeinflusst. Es spielt seitdem eine große Rolle in unzähligen anderen Situationen in meinem Leben. Bei verschiedenen Aufgaben, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Ich erinnere mich dann immer an den Sprung ins Blaue und sage mir: „Komm, Du bist vom fahrenden Boot ins blaue 500 Meter tiefe Wasser gesprungen! Dann kriegst Du DAS doch auch hin!“ Auf einmal erscheint mir die Situation nicht mehr so schlimm, die Herausforderung scheint zu meistern zu sein.

Seit diesem Tag weiß ich auch, dass der Weg aus der Angst durch die Angst hindurch führt. Wenn Du es schaffst, die Kraft zusammen zu kriegen, Dich den eigenen Monstern zu stellen und die Angst zu überwinden, kann Dich das enorm stärken. Angst zu überwinden ist nicht nur etwas für Leute, die Adrenalin-Kicks brauchen. Es ist ein ganz wichtiges Werkzeug für die innere Weiterentwicklung.

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