Try Happiness!

Wie kam ich dazu, aus dem Job auszusteigen

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten, 35 Sekunden

beruflicher ausstiegBeruflicher Ausstieg ist ein Traum von vielen von uns. Und für viele bleibt es leider für ewig und immer ein Traum. Gar nicht deswegen, weil er unmöglich zu realisieren wäre. Nein! Eher deswegen, weil die meisten von uns einfach viel zu große Angst davor haben. Diese Angst kreiert in unseren Köpfen die tollsten und absurdesten Szenarien, was alles passieren kann oder ganz bestimmt passieren wird, wenn wir unseren Job schmeißen.

ABER: Eine Angst ist nicht immer rational!

Die Angst vorm beruflichen Ausstieg bringt uns dazu zu glauben, dass eine Auszeit gefährlich ist. Wir befürchten, alles zu verlieren, was wir uns bisher aufgebaut haben: berufliches Ansehen, Kontakte, die bisher geöffneten Türen zu weiteren Karriere-Stufen… Wir haben Angst, uns finanziell auf die Dauer zu gefährden. Wir haben Angst zu verarmen und den bisherigen Lebensstandard zu vermissen… Was ist, wenn ich auf einmal meine Wohnung nicht zahlen kann? Was ist, wenn ich später den Wiedereinstieg nicht finde? Und wenn ich mich auf die Dauer von meinem Partner und seinem Geld abhängig mache? Es könnte ja passieren, dass wir uns trennen – dann habe ich ein richtiges Problem…

Wir halten all diese Gefahren für realistisch, glauben ganz fest daran, dass das Risiko sehr hoch ist! Da ist es ja nur logisch, dass man sich bei so vielen Gefahren keine weitere Gedanken macht, wie so ein Ausstieg aussehen könnte. Es wäre ja total dumm und unverantwortlich!

Noch ein ABER, suprise, suprise: diese Einschätzung stimmt nicht unbedingt!

Unser Hirn täuscht uns in diesem Punkt. Wieso und wie das geht? Unser Gehirn ist eine sehr komplexe Maschine, fähig, beeindruckende Leistungen zu bringen, aber – in diesem Fall Glück gehabt! – doch nicht fehlerfrei. Dean Buonomano beschreibt unser Hirn als einen Hochleistungscomputer. Wie in jedem Computer  kommt es auch in unserem Hirn zu Bugs. Das sind unsere Fehleinschätzungen gefährlicher Situationen.

Das Modul, welches für die Entstehung von Angst verantwortlich ist, heißt Amygdala. Sie ist ein Teil des sogenannten limbischen Systems. Das limbische System gehört zu den ältesten Strukturen unseres Hirns. Dort entstehen auch alle anderen Emotionen. Wir bemerken sie aber erst dann, wenn die Signale in die entwicklungsgeschichtlich jüngere Hirnrinde gelangen. Dann werden sie uns BEWUSST und wir können sie BENENNEN.

Die Amygdala ist unsere Alarmanlage. Sie bewertet innerhalb der Millisekunden alle Situationen und identifiziert die Gefahren.

Angst ist an sich ein sehr nützliches Gefühl.

Sie soll dafür sorgen, dass wir lebensbedrohliche Gefahren erkennen, meiden oder entsprechend reagieren. Zum Beispiel die Flucht ergreifen. Uns durch Erstarren „unsichtbar“ machen… oder kämpfen! Angst soll in erster Linie unser Überleben sichern. Also eine coole Sache, wenn sie richtig genutzt wird. Dafür war sie vor Millionen vor Jahren gedacht. Doch es sieht oft so aus, dass das Angst-Modul, welches uns in der Evolution ziemlich früh mitgeliefert wurde, sich nicht an unsere Lebensbedingungen anpasst. Also etwas „veraltet“ reagiert. Die wenigsten von uns müssen sich heutzutage im Alltag vor wilden Tieren schützen oder ums Überleben kämpfen. Es sei denn, einer kommt auf die Idee, einen Survival Trip in die Wildnis zu machen. Aber so als in der sicheren Stadt lebender Karrieremensch…? Für unser Angst-Modul macht es allerdings keinen Unterschied, ob wir einen Fluss voller Alligatoren überqueren sollen oder unseren Job schmeißen und eine längere Auszeit nehmen. Beides wertet es als Bedrohung für unser Überleben und gibt uns die gleichen Reaktionen vor: VERMEIDEN! Es wird alles in einen Topf geworfen. Ein Bug also. Schade, dass man in ein Hirn nicht einfach ein Update einspielen kann, wie in einen Computer.

Wie kommt es dazu, dass etwas als Gefahr eingestuft wird?

Ängste haben unterschiedliche Herkunft. Es gibt Anblicke, Gerüche und Geräusche, die bei uns schon von Geburt an Angst auslösen. Das sind dann angeborene Ängste. Bei anderen Reizen reicht eine einmalige Begegnung aus, damit sie bei uns Angst auslösen. Manchmal genügt es, wenn wir eine Angstreaktion bei anderen Menschen beobachten oder von einer Gefahr hören, damit unser Hirn eine Situation als gefährlich einspeichert. So müssen wir nicht selbst von einem Auto angefahren werden, um zu wissen, dass es lebensgefährlich ist, über die voll befahrene Autobahn zu laufen. Ängste sind also sehr leicht zu erlernen. Und leider kommt es auch vor, dass Dinge, die von uns bisher als neutral oder sogar positiv wahrgenommen wurden, auf einmal mit Gefahr in Verbindung gebracht werden. Das ist eigentlich ziemlicher Mist. Denn so kriegen wir im Laufe des Lebens hin, viele unnötige Ängste zu entwickeln, die uns einschränken.

Prinzipiell entstehen Ängste immer dann, wenn wir etwas, was für uns wertvoll ist, verlieren könnten.

Das Leben ist ein Wert an sich. Aber wir Menschen haben auch noch andere Werte, die uns steuern und für uns wichtig sind, wie Liebe, Ehrlichkeit, Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Glück und viele, viele mehr. Jeder von uns hat ein individuelles Paket davon. Sie sind für uns extrem wichtig und wir möchten sie schützen. Zum Beispiel, wenn wir von Kind an gelernt haben, dass eine gut bezahlte Arbeit, eine angesehene Position, also Anerkennung, im Leben wichtig sind, dann werden wir den Verlust des Jobs als (lebens-)bedrohlich werten. Womöglich haben wir auch im Laufe der Zeit genügend Menschen kennengelernt oder von solchen gehört, die arbeitslos waren und deren Leben dadurch ziemlich schwierig war. Über die man eventuell abschätzig gesprochen hat. Vielleicht haben wir Mütter erlebt oder von solchen gehört, die sich nach einer Babypause schwer getan haben, wieder einen guten Job zu finden. Und kennen außerdem keine positiven Beispiele von Menschen, die entspannt und unkompliziert einen Neueinstieg oder Umstieg geschafft haben. Und falls wir von positiven Beispielen hören, dann werden immer alle Unterschiede zu unserer Situation ganz detailliert analysiert und am Ende sagen wir: in MEINER Situation kann es nicht klappen, das Risiko ist mir zu hoch. DANN ist so ein Ausstieg eine Bedrohung. Eine Lebensgefahr! Zumindest für unser Hirn.

Auch mir ist das alles passiert.

Ich habe genauso ewig lang den beruflichen Ausstieg als einen fernen Traum behandelt und war vor lauter Bedrohung starr. Immer wieder habe ich andere, die es geschafft haben, beneidet und das Ganze immer mit einem traurigen Seufzer quittiert: „das wird für Dich wohl unmöglich bleiben“. Jahrelang. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit und Energie ich dafür vergeudet habe, wird mir schlecht. Ich hoffe, dass ich aus meiner eigenen Geschichte hier tatsächlich etwas gelernt habe. Ich hoffe, dass ich zukünftig mit scheinbar unrealistischen Träumen und Ängsten anders umgehen kann.

Wie habe ich dann doch meinen beruflichen Ausstieg geschafft?

Mir kam eine andere Bedrohung dazwischen. Ich wurde nahezu dazu gezwungen: irgendwann stand ich einfach mit dem Gesicht zur Wand… Das ist nicht sofort passiert. Am Anfang habe ich es noch nicht so richtig mitbekommen. Ich dachte früher immer, ich bin extrem belastbar, habe gerne 10 Dinge auf einmal gemacht. Ich wollte vom Leben alles! Und von mir 150%. Ich war meistens unter Strom. Mein Leben war selten entspannt. Die meisten meiner Ziele habe ich erreicht, was ja eigentlich cool ist. Auch wenn mich das oft viel Arbeit und Stress gekostet hat. Mit der Zeit fiel es mir aber zunehmend schwerer, mit dem Stress umzugehen.

Sackgasse

Immer öfter hatte ich das Gefühl, ich stecke in der Sackgasse. In einem Teufelskreis aus Stress, Arbeit, nach Hause kommen, das Nötigste erledigen, schlafen, Arbeit, nach Hause kommen… usw. Mein Job machte mir zwar Spaß, aber irgendwie war es nach ein paar Jahren doch immer wieder das Gleiche. Work-Life Balance hat in meinem Leben keine Anwendung gefunden. Langsam war ich immer mehr frustriert. Eigentlich von mir selbst, dass ich mich fremdbestimmen lasse. Vom Arbeitgeber, von Kunden, Familie, Freunden etc. Beim Sport war ich schon seit 3 Monaten nicht mehr… Ich hab zu viel gearbeitet, hatte immer das Gefühl, das ich nicht anders kann, weil ich ja so viel zu tun habe. Und je mehr ich gearbeitet habe, desto mehr Aufgaben kamen dazu. Und meine Unzufriedenheit wuchs.

Mein Geist war total erschöpft. Ich träumte davon, endlich mal weniger zu arbeiten, weniger Stress zu haben, weniger unter Druck zu stehen.

Erleichterung und Angst

In der Zwischenzeit habe ich gemerkt, dass mich eine weitergehende Karriere nicht mehr reizte. Es war es mir einfach nicht mehr WERT. Es machte für mich nicht mehr den Sinn des Lebens aus. Wir sind finanziell schon einigermaßen gut gestellt und abgesichert. Kinder, für deren Zukunft man vorsorgen müsste, haben wir nicht. Wofür tun wir uns das dann alles an??!! Arbeiten wie die Blöden, viel zu wenig Zeit miteinander und unseren Familien verbringen? Ist das nicht absurd?? An irgendeinem Abend war ich mal wieder extrem frustriert und deprimiert. Es war der erste Urlaubstag. Ich bin in jeden Urlaub mit einer gigantischen Ladung an Stress hinein gegangen. Vor dem Urlaub musste nämlich alles perfekt abgeschlossen sein und wie das Leben (MEIN Leben) so wollte, vor dem Urlaub wuchsen die To-Dos wie Pilze nach dem Regen. Also war ich mal wieder ordentlich durch und fertig mit der Welt. Frustriert von dem hoffnungslosen Hamsterrad, aus dem ich keinen Ausweg sah.

Ich hatte ANGST, dass das nie endet, dass ich nie meine Ruhe und mein Glück finde.

Und diese Angst war auf einmal stärker als die Werte, die mich bisher in dem Hamsterrad hielten. An dem Tag platzte es aus mir heraus: „Wenn wir nichts an unserem Leben ändern, kannst Du mich einliefern“. Bääähm. Mir war gar nicht bewusst, wie das klang. Aber dieser eine Satz hat bewirkt, dass mein Mann angefangen hat, zu kalkulieren, unter welchen Bedingungen und wann wir uns das leisten könnten, dass ich aussteige.

Zuerst konnte ich nicht fassen, dass wir das wirklich machen wollen. Einerseits hat es mich gefreut und ich war erleichtert. Aber dann kam doch all diese Ängste… Mein Ego hatte Angst davor… Ich dachte: „Ich muss dann auf meine Position verzichten… auf die Verantwortung, Team-Leitung, Ansehen …. Wie werde ich damit klar kommen? Ist mir das mehr wert als die RUHE?“ Ich wusste es nicht… und ich hatte Angst, vor diesem Selbsterfahrungsexperiment… Aber mehr Panik noch hatte ich davor, so wie bisher weiter zu machen und irgendwann tief unglücklich zu werden. Ich musste es wagen. Das war keine Angst, die mich gehindert hat, dass war eine Angst, die überwunden werden  wollte. An der ich vielleicht wachsen könnte, wie damals bei dem Sprung ins Blaue.

Und dann doch der komplette beruflicher Ausstieg

Seit diesem Satz bis zu meiner Kündigung vergingen dann noch 9 Monate. In dieser Zeit wussten wir noch nicht ganz sicher, ob das tatsächlich klappt. In dieser Zeit haben wir alles durchgerechnet und Weichen dafür gestellt, dass wir wirklich nur von einem Gehalt leben können. Wir haben unsere Verbindlichkeiten angepasst, Ausgaben monitored und wo notwendig nachjustiert. Außerdem habe ich mir gründlich Gedanken darüber gemacht, was ich eigentlich will: einen kompletten Ausstieg, Sabbatical oder Teilzeitjob. Ich habe viel recherchiert, nach Inspirationen gesucht, gerechnet, Beispielszenarien im Kopf durchgespielt. Ich fühle mich mit Hauruck-Aktionen nicht wohl, deswegen habe ich mir da bewusst viel Zeit gelassen, die richtige Entscheidung zu treffen. Und irgendwann hat sich der radikale Cut einfach richtig angefühlt. Entgegen allen Kopfargumenten.

Die Angst hat mich bis zum letzten Tag und auch die erste Zeit des Sabbaticals begleitet. Ich wußte schlicht und ergreifend nicht, wie sich mein Leben verändern wird. Ich konnte mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, als ich vor Jahren nicht berufstätig war. Damals fand ich das schrecklich. Ich bin nicht damit klar gekommen, kein eigenes Geld zu verdienen. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich gesellschaftlich nicht ernst genommen werde. Die Minderwertigkeitskomplexe und Existenzängste haben mich fertig gemacht. Ich habe natürlich gehofft, dass all das dieses Mal nicht mehr zutrifft – immerhin sind es mehr als 10 Jahre her und ich habe mich verändert. Aber eine Garantie hatte ich natürlich nicht. Daher habe ich auch gründlich überlegt, was ich machen könnte, falls sich heraustellen sollte, dass der berufliche Ausstieg mir doch nicht gut tut. Diese Alternativszenarien haben mich beruhigt und mir für die ungewisse Zeit Sicherheit gegeben.

Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen, dass ich nicht mehr arbeite. Es fühlt sich immer noch gut an! Ich kann jedem, der schon mindestens einmal den Gedanken hatte, eine Job-Pause anzulegen, nur dazu raten, sich nicht entmutigen zu lassen.

  • Frage Dich, warum Du vom beruflichem Ausstieg träumst
  • Was erwartest Du Dir von einem Sabbatical? Gibt es vielleicht dabei Dinge, die Du jetzt schon nach und nach umsetzten könntest, z.B. im Alltag mehr entspannen? Da gibt es oft Kleinigkeiten, die man in das eigene Leben integrieren kann, welche ein kleiner Schritt in der langen Reise sein können.
  • Falls Du Einwände hast, hinterfrage sie!
  • Frage Dich, was das Schlimmste ist, was Dir durch ein Sabbatical passieren könnte.
  • was kannst Du tun, um das Schlimmste zu verhindern?
  • kannst Du Dir leisten, jetzt sofort kein Geld mehr zu verdienen?
  • wenn nicht, wann könntest Du es Dir leisten oder was müsstest Du zuerst tun, um es Dir leisten zu können und für wie lange?
  • Suche nach Beispielen von Menschen, die es durchgezogen haben und informiere Dich, wie sie sich auf die Auszeit vorbereitet haben
  • UND: Schreibe Dir das alles auf! Das hilft wirklich, die Dinge Schwarz auf Weiß zu haben!

Fang damit an! Jetzt! Sofort! Und Du wirst sehen, wie sich nach und nach Deine Sicht auf verschiedene Dinge und Umstände verändert. Du wirst womöglich auch erleben, dass sich unerwartet Gelegenheiten ergeben, die Dich Deinem Traum näher bringen. Nach und nach wirst Du auch Deine Einwände und Ängste abbauen, weil Du merkst, dass eigentlich gar nichts Schlimmes passieren kann! Und dann wirst Du es kaum erwarten können, Deinen Traum umzusetzen!

Ich drück Dir die Daumen! Ach ja, um Dir die Arbeit zu erleichtern, habe ich hier die wichtigsten Fragen noch mal genauer behandelt. Und hier findest Du einen fertigen Arbeitsbogen dazu. Vielleicht hilft er Dir, Deine Auszeit vorzubereiten. Oder einfach erstmal die Angst davor abzubauen. Viel Spaß dabei!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.