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Lernen durch Vorbilder: nach-bilden oder doch das EIGEN-Bild kreieren?

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten, 35 Sekunden

VorbilderVorbilder… Ein Thema wahrscheinlich so alt wie die Menschheit … So scheint es auch viele Menschen zu beschäftigen. Zumindest wenn man es auf dem Blog von Jörg Unkrig nachschaut. Wahnsinn wie viele Menschen das Thema auf den Plan gerufen hat…

Als mich Jörg eingeladen hatte, auch etwas dazu zu schreiben, dachte ich mir erstmal: ach, nee, das ist doch total langweiliges Mainstream-Topic… Aber an den kommenden Tagen habe ich mir doch selbst die Frage gestellt: wie denke ich eigentlich darüber? Habe ich Vorbilder? Was sind Vorbilder für mich? Was bringen sie mir?

Idealisierung des Vorbilds

Das klassische traditionelle Verständnis vom Vorbild ist mit einer sehr hohen Erwartung an das Vorbild verbunden. Vor unseren Augen taucht jemand auf, der nahezu unfehlbar sein muss. Der toll und glänzend aus der Ferne leuchtet. Ein Ideal.

Laut Wikipedia ist Vorbild „eine Person oder Sache, die als richtungsweisendes und idealisiertes Muster oder Beispiel angesehen wird“. Das Wort „idealisiertes“ ist für mich in diesem Modell entscheidend.

Nicht nur für Wikipedia sondern auch für mich sind solche Vorbilder einfach realitätsfremd. Es gibt auf der Welt keine perfekten Menschen. Niemand ist unfehlbar. Niemand ist vollkommen. Jemand, den wir nicht näher kennen, mag uns vielleicht aus der Ferne als Ideal erscheinen. Aber ich kann alles wetten, jeder dieser Menschen hat seine Macken. Jeder dieser Menschen macht Fehler, hat mal schlechte Laune oder bekommt bestimmte Dinge einfach nicht hin.

Es gibt allerdings Menschen, die tatsächlich solche idealisierten Vorbilder in ihrem Köpfen tragen. Sie akzeptieren in dieser Rolle nur scheinbar makellose Charaktere. Ein Vorbild mit Fehlern… ist kein Vorbild!

Also wenn sie erfahren, dass der Herr Müller, der ein vorbildlicher Vorgesetzter ist und von dem sie bisher viel gelernt haben, seine Frau betrügt, sind sie bitter enttäuscht. Sie wollen nichts mehr von ihm hören. Als ob sein Betrug all das, was sie von ihm gelernt haben, entwerten würde.

Aber nicht nur das. Menschen, die nur idealisierte Vorbilder haben, fühlen sich in so einer Situation hinters Licht geführt, betrogen, sind traurig. Sie leiden unter einem ganzen Paket an negativen Emotionen und berauben sich natürlich selbst des Vorbilds. Der Inspiration!

So ein Vorbild ist wie ein Leuchtturm, und erfüllt damit eine wichtige Funktion – er gibt uns Orientierung. Und diese Funktion verliert nicht an Bedeutung, wenn wir feststellen, dass der Leuchtturm sonst eigentlich ziemlich hässlich ist und nicht zum Wohnen geeignet. Er braucht nicht in jeder Hinsicht perfekt zu sein, er muß nur gut leuchten!

Inspiration durch Vorbild

Andere Menschen sagen wieder: „Ich habe keine Vorbilder! Ich brauche keine Vorbilder! Ich will mein wahres Ich leben und weiterentwickeln und keine Kopie von jemand anderem werden!“ Das kann ich sehr gut nachvollziehen – jeder von uns ist anders und sollte versuchen, sein eigenes Potential zu entdecken und zu entwickeln. Aber geht das, so ganz ohne Vorbilder? Können wir uns so gar nicht an anderen orientieren, ohne fremde Beispiele uns trotzdem weiter entwickeln, ohne… Inspiration? Wir sind doch soziale Wesen. Schon als Kinder lernten wir durch Beobachtung, Nachahmung, Beispiel. Die Kein-Vorbild-Menschen sagen hier: „Das ist etwas anderes! Als Erwachsener brauche ich kein Vorbild, sondern nur Inspiration“. Die meisten können dann sofort einige Beispiele von Personen nennen, die sie inspirieren.

Aber ist das wirklich so ein Unterschied?

Ich kenne auch einige Menschen, die mich inspirieren. Mit ihrem Verhalten, ihrem Leben, ihren Einstellungen, der Art, wie sie ihre Werte leben. Oder anders gesagt: die für mich in bestimmten ausgewählten Bereichen ein Vorbild sind. Der Morrie Schwartz, wie er mit seinem bevorstehenden Tod umgeht. Der Nick Vujcic, wie er mit seinen angeborenen Einschränkungen kämpft. Mein Mann, wie er geduldig mit den nervigsten Menschen umgehen kann. Das sind für mich Vorbilder – jeder in einer anderen Disziplin. Aber das heißt nicht, dass sie perfekt sind. Andere würden es halt Inspiration nennen, ich nenne es Vorbild. Scheint ja einfach eine Definitionssache zu sein.

Von solchen Vorbildern erwarten wir keine Perfektion. Wir verzeihen ihnen, dass sie als die personifizierte Güte vielleicht manchmal nervig viel reden. Oder wenn sie als verständnisvolle Partner total zerstreut und vergesslich sind. Oder zielstrebig und blitzschnell ein Unternehmen aufbauen können, aber im privaten Leben totale Chaoten sind. Sie müssen nicht in jeder Hinsicht und in jedem ihrer Lebensbereiche vollkommen sein. Eigentlich sollten sie es auch nicht sein. Je weniger perfekt sie sind, desto menschlicher erscheinen sie uns. Desto mehr fühlen wir uns mit ihnen verbunden. Desto mehr haben wir das Gefühl: wenn er/sie das kann, kann ich das auch! Wir nehmen von diesen Menschen das, was uns anspricht und lassen alles andere sein. Sie geben uns Beispiele in den Bereichen, die für unser eigenes Leben wichtig sind. Die mit unseren Werten übereinstimmen.

Also eigentlich ist dieses Verständnis von Vorbild eine feine Sache. Das bringt uns weiter, gibt uns Impulse, die uns in unserer eigenen Entwicklung weiter bringen.

Aber sind wir bei diesem Modell frei davon, uns zu verleugnen, uns in eine Richtung zu inspirieren, die unserem Naturell so gar nicht entspricht? Denn auch, wenn wir uns durch einzelne Charakterzüge oder – eigenschaften inspirieren lassen, versuchen wir diese ja oft direkt zu kopieren.

Reflexion durch Vorbild

Ich denke, es bedarf schon etwas Selbstvertrauen und des Willens sich selbst gut kennen zu lernen, um sich von den Inspirations-Vorbildern nicht auf den falschen Weg führen zu lassen. Ich bin auch nicht frei davon.

Seit ich angefangen habe zu bloggen, suche ich natürlich fleißig nach Inspirationen im Web. Es gibt den einen oder anderen Blog, der für mich ein Vorbild ist. So auch alles, was die Autoren für ihre Blogs unternehmen. Am Anfang habe ich alle Neuigkeiten gleich auch für mich umsetzen wollen! So nach dem Motto: „oh, ich will es auch, ich muss es auch! Wenn er/sie damit erfolgreich ist, dann wird mir das auch helfen!“ Nach einiger Zeit musste ich mir eingestehen: nicht alles passt zu mir. So z.B. Instagram. Ja, ich habe ein Account, seit langem. Aber ich nutze ihn nicht. Ich bin einfach nicht der Instagram-Typ. Auch wenn ich die anderen immer noch bewundere, wie toll sie diesen Kanal nutzen – es ist nichts für mich. Und wenn ich versuchen würde, mich trotzdem dazu zu zwingen, die anderen nachzuahmen, dann komme ich auf keinen Fall authentisch rüber. Ich muss nach MEINEN Methoden und Wegen suchen. Die anderen können mich höchstens dahingehend inspirieren und mir Vorbilder sein, wie sie IHREN EIGENEN Weg gefunden haben.

Daher wenn wir jemanden spontan als positives Vorbild oder Inspiration an die Wand im Kopf hängen wollen, lohnt sich eine kurze Reflexion:

  • Was finde ich an der Person und/oder dem was sie macht, toll?
  • Warum finde ich die Person und/oder das, was sie macht, toll?
  • Würde ich gerne genau das Gleiche tun?
  • Passt das zu meinen Werten, Lebensprioritäten, zu meinem Charakter?
  • Habe ich alle Eigenschaften und Fähigkeiten, um das Gleiche zu erreichen?
  • Ist es mir das wert?

Mit dieser kleinen Übung erfüllen Vorbilder für mich einen wirklich tiefgreifenden Zweck. Die Vorbilder regen in uns etwas an. Inspirieren uns. Setzen in uns irgendetwas in Bewegung. Und durch unsere Reflektion helfen sie uns auch, uns selbst kennen zu lernen.

Negatives Vorbild und sein positiver Einfluss

Zum Schluss möchte ich noch eine kurze Geschichte erzählen, welche wunderschön zeigt, dass wir auch von negativen Vorbildern viel lernen können.

Ich hatte vor ein paar Jahren einen sehr schwierigen Arbeitskollegen. Die Zusammenarbeit mit ihm war trotz vieler Feedback- und Klärungsgespräche für alle Beteiligten sehr mühsam. Im Laufe der Zeit stellte sich für mich heraus, dass das Problem in unterschiedlichen Wertesystemen lag. Für ihn waren andere Dinge wichtig, als für den Rest des Teams. Am meisten hat mich persönlich geärgert, dass er den Eindruck machte, als ob er sich um nichts und niemanden Sorgen machen würde. Er war scheinbar unbeeindruckt, wenn wegen seines mangelnden Engagements Deadlines nicht eingehalten wurden oder wenn wir Gefahr gelaufen sind, Kunden zu verärgern. Während ich und andere Kollegen Vollgas gegeben haben, uns die Überstunden um die Ohren gehauen haben, um unsere Arbeit perfekt zu erfüllen, hat der Kollege immer geschickt seine eigenen Pflichten delegiert und ist um 18:00 Uhr in den Feierabend entschwunden. Er war ein absolutes Negativ-Vorbild! Aaaaber: er hat mich inspiriert. Er hat mich zum Nachdenken gebracht, warum mich diese eine Eigenschaft gerade so wahnsinnig macht. Ehrlich gesagt, war das auch kein großes Rätsel für mich: ich war ja gerade das komplette Gegenteil von ihm. Darum. Ich habe mich immer total gestresst, alles rechtzeitig zu erledigen und zwar so gut, wie ich dachte, daß es von mir erwartet wird. Ich habe mich fertig gemacht, wenn ich Deadlines verschieben musste. Ich habe mich schlecht gefühlt, wenn ich offene Sachen bis zum nächsten Tag liegen lassen musste. Die Arbeit war immer an erster Stelle. Dieses negative Vorbild des Kollegen hat mich dazu inspiriert, über mich selbst nachzudenken. Vielleicht war ich „an meinem Ende“ auch zu extrem, genauso wie er an seinem. Denn letztlich ging die Welt ja nicht unter, wenn ein Thema erst am nächsten Tag erledigt wurde, und meine Art die Dinge anzugehen, ging auch mit einem ziemlichen Raubbau an meiner Gesundheit einher.

Ich habe daher beschlossen, mir eine Mini-Scheibe von seiner Unbekümmertheit abzuschneiden. Er bleibt für mich ein Vorbild in einer „Juckt-mich-nicht-Einstellung“. Ein Vorbild, welches ich nie erreichen möchte, aber von dem ich doch eine ganze Portion mehr innere Gelassenheit gelernt habe.

Jede Gelegenheit ist gut, um sich selbst besser kennen zu lernen und weiter zu entwickeln! Ohne Vorbilder – sowohl positive wie auch negative – hätte ich viele Schritte in meinem Leben nicht gemacht.

2 Kommentare

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